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Die "grüne Fee" Absinth - Das Wahnsinns-Elixier ist zurück

Langsam spricht es sich herum, dass Absinth in Deutschland wieder legal ist. Dieser smaragdgrüne Wermut-Schnaps war im 19. und frühen 20. Jahrhundert Inspirationsquelle für viele bekannte Persönlichkeiten. Künstler wie Pablo Picasso oder Henri de Toulouse-Lautrec ließen sich von diesem psychoaktiven Getränk verzaubern, aber nicht wenige wurden von ihm auch in den Wahnsinn getrieben. Die gravierenden Nebenwirkungen der "grünen Fee", wie der Absinth gern genannt wird, führten damals zu seinem fast europaweiten Verbot, aber nachdem nun die Gesetze gelockert wurden, erlebt der Mythos eine Renaissance. Auch die Forschung interessiert sich neuerdings wieder stärker für die Inhaltsstoffe des Absinth.

In einigen Ländern Europas konnte Absinth die Zeit des Verbots überdauern. Das führte jetzt im Zuge der Harmonisierung des EU-Rechts dazu, dass er auch in den übrigen Staaten wieder hergestellt und gehandelt werden darf. Der Gehalt des neurotoxischen Wermut-Inhaltsstoffes Thujon darf allerdings gewisse Grenzen nicht mehr überschreiten.

Absinth: heute kaum mit dem Original vergleichbar

Wegen der reduzierten Thujonmenge werden die neuen Absinthsorten, die heute auf dem Markt sind, von Kennern und Verbraucherschützern, abgesehen von ihrem Alkoholgehalt, nicht als gefährlich eingestuft. An das inspirierende Elixier von einst kommt der heutige Absinth bei Weitem nicht heran: Bei einem Alkoholgehalt über 25% sind höchstens 10mg Thujon pro Kilogramm Flüssigkeit erlaubt, was weit unterhalb jeder schädlichen Grenze liegt. Etwas mehr darf es bei Bitterspirituosen sein, für die 35mg/kg die obere Grenze darstellen. Wissenschaftler schätzen, dass die Konzentration bei den im 19. Jahrhundert üblichen Rezepturen um 260mg/kg gelegen hat.

Wie wirkt Wermut?

Während der gut 80 Jahre, die Absinth in der Versenkung verschwunden war, wurde über die Wirkung von Wermut nicht viel geforscht. Lange ging man davon aus, dass der spezielle Effekt des Thujons auf seiner strukturellen Ähnlichkeit zu Tetrahydrocannabinol (THC), dem wirksamen Prinzip des Hanfs, beruht. In einer neueren Studie von Wissenschaftlern der Saint Louis School of Medicine wurde diese Hypothese 1999 einer kritischen Prüfung unterzogen. Darin konnten sie demonstrieren, dass Thujon an denjenigen Rezeptoren im Rattenhirn, über die Cannabis seine Effekte entfaltet, kaum bindet. Auch eine Haschisch-ähnliche Wirkung fanden die Autoren der Studie nicht. Im Gegenteil: Nach Thujongabe zeigten Ratten ein Verhalten, das völlig von dem der Artgenossen abwich, die eine starkes, mit Haschisch vergleichbares Präparat bekommen hatten. Es muss also eine andere Erklärung für den Effekt von Thujon auf die Reizleitung im Gehirn und die daraus resultierende halluzinogene Potenz des Absinth existieren.

Heiße Spur im Fall Thujon

Die Reaktionen, die Thujon im Körper von Säugetieren hervorruft, sind seit längerem gut bekannt. U.a. erhöht es auch die Krampfneigung, was zu verschiedensten Vermutungen über mögliche Wirkweisen führte. Eine davon war die Blockade eines bestimmten Rezeptorsystems, das die Geschwindigkeit der nervlichen Aktivität im Gehirn beeinflusst. Eine Gruppe um Dr. Karin M. Höld aus Berkeley, Kalifornien, ging dieser Möglichkeit in einer Studie nach, die im letzten Jahr veröffentlicht wurde (Proc Natl Acad Sci 2000, Vol. 97, S. 3826-3831). Höld und ihre Kollegen konnten dabei nachweisen, dass diese Rezeptoren tatsächlich von Thujon blockiert werden und es dadurch zu einer überschießenden Reizleitung im Gehirn kommt, was epileptische Anfälle zur Folge haben kann. Damit ist es der Gruppe um Höld zum ersten Mal gelungen, den biochemischen Mechanismus zu enthüllen, der auch einen großen Teil der Symptome des "Absinthismus" erklärt, der damals unter langjährigen Trinkern verbreitet war. Halluzinationen, Krampfanfälle sowie psychische Schäden und Verfall waren nur einige der Probleme, die zum Absinthismus gezählt wurden.

Alkohol - der größte Übeltäter?

Eine große Zahl von Wissenschaftlern bezweifelt jedoch, dass Thujon allein für sämtliche Symptome des Absinthismus verantwortlich gemacht werden kann. Viele der Krankheitszeichen legen die Vermutung nahe, dass der hohe Alkoholgehalt von Absinth dabei eine Hauptrolle spielte, denn zwischen 50 und 80% Alkohol waren damals und sind noch heute an der Tagesordnung. Da das Wissen über die schädlichen Auswirkungen von Alkohol in den letzten 100 Jahren deutlich zugenommen habe, könne man einen großen Teil des Absinthismus auf Alkoholabhängigkeit und Entzugssymptome sowie auf akute Alkoholvergiftung zurückführen, heißt es dazu in einem Artikel der Absinth-Forscher Strang, Arnold und Peters im British Medical Journal (BMJ 1999, Vol. 319, S. 1590-1592).

Zeitreise in die Belle Epoque

In Maßen genossen ist Absinth aber ein wohlschmeckendes Aperitif, das einen Hauch des Glanzes der Belle Epoque ins 21. Jahrhundert transportiert. Einige Bars und Nachtlokale in deutschen Großstädten haben den Trend erkannt und richten erfolgreich ganze Nächte im Zeichen von "La Fee Verte", der grünen Fee, aus. Ob sich die sagenhafte Muse aber auch bei diesen modernen Events zeigt, ist stark zu bezweifeln.


Die Absinth-Trinkzeremonie

Nicht nur Vincent van Gogh, der sich im Absinthrausch das Ohr abgeschnitten haben soll, auch Künstler wie Oscar Wilde, Aleister Crowley, Arthur Rimbaud und viele andere sprachen dem "Wermutstropfen" zu. Wegen seiner geheimnisumwitterten Aura und der besonderen Trinkzeremonie findet der Absinth auch heute noch seine Anhänger, besonders unter Musikern. Blixa Bargeld, Sänger und Texter der deutschen Avantgarde-Band "Einstürzende Neubauten", ist nur ein prominentes Beispiel. Der Maler Toulouse-Lautrec pflegte seinen Absinth mit Brandy zu mischen, aber üblicherweise wird er mit Wasser verdünnt. Bei der Zeremonie, die dem Genuss des Getränks vorausgeht, wird Eiswasser langsam über ein Stück Zucker gegossen, das auf einem perforierten Löffel über der Öffnung des Glases liegt. Sobald sich das Wasser mit dem Absinth vermischt, steigt eine milchige Trübung wie Nebel im Glas auf. Ganz ähnlich kennt man das von Pastis und Pernod. Diese enthalten, genau wie die meisten Absinth-Sorten, Anis und Fenchel, deren ätherische Öle beim Verdünnen mit Wasser ausgefällt werden und so die Trübung verursachen. Die besonders in Frankreich beliebten Anis-Schnäpse Pastis und Pernod sind im Grunde nur Absinth ohne Wermut. Sie kamen damals nach dem Absinth-Verbot auf den Markt, um das grüne Elixier zu ersetzen.



Nach dem ersten Glas siehst Du die Dinge wie Du wünscht, dass sie wären. Nach dem zweiten, siehst Du die Dinge, wie sie nicht sind. Zum Schluss siehst Du die Dinge, wie sie wirklich sind, und dies ist das schrecklichste auf der Welt." So beschreibt der Dichter Oscar Wilde die ihm bekannte Wirkung des Absinth. Auch andere Künstler dieser Zeit waren Absinthtrinker, darunter herausragende Persönlichkeiten wie Picasso, Toulouse-Lautrec, Gauguin, Baudelaire, Rimbaud und Hemingway.

Absinth erlebt zurzeit eine Renaissance. Aufgrund veränderter gesetzlicher Bestimmungen ist der Verkauf dieses Getränks nach nahezu 80 Jahren des Verbots nunmehr in Deutschland zugelassen. Eine wichtige Rolle spielt auch das Internet. Hier kann man sich Absinth bestellen und gezielte Hinweise zu dessen psychoaktiven Substanzen erhalten.

Medical Tribune Online Bericht


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